
Honore de Balzac, französischer Schriftsteller (1799-1850)
… und seine Gläubiger zu befriedigen ohne auch nur einen Sou selbst aus der Tasche zu nehmen.
Gelehrt in zehn Lektionen
oder
HANDBUCH DES HANDELSRECHTS
zum Gebrauch der ruinierten Leute, der Schuldner, der Aushilfsbeamten, kurz aller jener, die
GELD AUSGEBEN, OHNE ES ZU HABEN … “ (Honore de Balzac, Paris, 1827)
Dies entstammt nicht etwa, wie vielleicht vermutet werden könnte, einem modernen Ebook zum Thema Schuldenregulierung, sondern einem Werk eines der bedeutensten Literaten des 19. Jahrhunderts.
Balzac, der Zeit seines Lebens dem Traum des schnellen Geldverdienens nachhing, brachte es auch zu einem nicht geringen Schuldenberg. Bildhaft läßt sich vorstellen, wie oft er im Paris des 19. Jahrhunderts plötzlich die Straßenseite wechseln musste, sowie er einen der zahlreichen Gläubiger erblickte.
Da ich vor ein paar Tagen eine schöne Ausgabe seines Werkes ersteigerte, nehme ich es mal zum Anlaß die 17 “Aphorismen, Axiome und neue Gedanken, die man sich nicht tief genug einprägen kann, bevor man die verschiedenen Theorien studiert” vorzustellen.
Unglaublich, wie zeitlos dieses Thema ist.
I
Je mehr man Schulden hat, desto mehr Kredit hat man; je weniger Gläubiger man hat, desto weniger Hilfsmittel stehen einem zu Gebote.
II
Wer sich keinen Kredit schafft, muss unweigerlich bankerott machen, denn je mehr Kredit man sich schafft, desto mehr Umsatz hat man auch. Je mehr Umsatz man hat, desto mehr Geschäfte macht man. Je mehr Geschäfte man macht, desto mehr Geld verdient man.
III
Schulden machen bei Leuten, die selbst nicht genug haben, heisst, die Verwirrung der Gesellschaft nur vergrössern, das Unglück vervielfältigen. Leuten aber, die zuviel haben, Geld schuldig sein, bedeutet im Gegenteil: für das Elend ein Gleichgewicht schaffen, sein Teil an der sozialen Nivellierung beitragen.
IV
Wer nur einigermassen Grundsätze hat, muss seine Schulden, wenn er welche hat, zahlen. Auf die eine Art oder auf die andere. Das heisst also mit Geld oder ohne Geld.
V
Ein schlecht erzogener, ungestümer Gläubiger, der nur mit Unverschämtheiten auf die guten Gründe, die Sie ihm anführen, antwortet – vorausgesetzt nämlich, dass es gute sind und Sie ihm sonst nichts geben -, stellt Ihnen so, ohne es selbst zu wissen, eine vollgültige Quittung über jede Summe aus, die Sie ihm nur irgend schuldig sein können.
VI
Selbst bei der besten Verwaltung scheidet sich eine Nation, sie mag so gross sein, wie sie will, so einig, wie sie nur kann,
immer in zwei einander ganz entgegengesetzte Parteien.
Nämlich:
Erste Partei: Individuen, die stehlen. das ist die stärkere Partei.
Zweite Partei: Individuen, die bestohlen werden. Das ist die grössere.
Ich überlasse es dem Leser, die Partei herauszusuchen und in sie einzutreten, die ihm besser passt, denn er kann sich nicht für eine neutrale oder Übergangspartei entscheiden (wie man in der Politik tut); nach unserer Auffassung kann es nämlich eine solche gar nicht geben!
VII
Die Bevölkerung eines Kaiserreiches oder eines Königreiches besteht ebenso nur aus zwei Klassen: nämlich aus den Produzenten und den Konsumenten. Die Produzenten sind nichts anderes als — die Gläubiger. Die Konsumenten, die Geld ausgeben, sind die Schuldner. Also: gäbe es keine Leute, die Geld ausgeben, dann wären auch die Leute, die produzieren, Werte schaffen, überflüssig. Es sind also die ausgebenden Leute, die den Produzenten, den Werte schaffenden, zu leben geben. Als Folge ergibt sich, dass so ein Werte schaffender Mensch ein Produzent, ein Gläubiger also, zumindest den Verzehrenden, den Schuldnern, noch etwas schuldet, nämlich: ihm nicht zu zahlen, was er ihm eigentlich schuldig ist. Denn wenn der ihm nichts schuldig wäre, so würde er ja am Hunger zugrunde gehen.
VIII
Bekanntlich steht die glänzende Situation eines Staates immer in einem gerechten Verhältnis zur Höhe seiner Schulden
(siehe England!) machen Sie einen Analogschluss auf die einzelnen Individuen, nun — was ergibt sich?
IX
Da der Besitz nur kraft der blossen Tatsache des Besitzers existiert, so hat ein Jeder, so wie er nur auf die Welt kommt,
Recht auf irgendeinen Besitz.
X
Es ist evident, dass die Welt sich nur aus Leuten zusammensetzt, die zuviel haben, oder aus Leuten, die nicht genug haben. Ihre Aufgabe ist es, was Ihre eigene Person betrifft, das Gleichgewicht herzustellen.
XI
Es ist besser, hunderttausend Franken einer einzigen, und zwar derselben, Person schuldig zu sein als tausend franken je tausend einzelnen Personen.
XII
Die Zahl der Individuen, die in Verlegenheit sind, weil sie zu viel Geld haben, mit dem sie nicht wissen, was anzufangen,
ist genauso groß wie die zahl jener Individuen, die in Verlegenheit sind, weil sie nicht wissen, was sie anfangen sollen,
um etwas Geld zu haben.
XIII
Unter denen, die Schulden haben, sind nur die, die einmal den bösen Anfang gemacht haben, Schulden zu zahlen, dann ins Gefängnis von Sainte-Pélagie gebracht worden. Man würde sich wohl hüten, den dorthin zu stecken, der schon lange Schulden hat und noch nie etwas gezahlt hat.
XIV
Wer gut zu Fuss ist und ein gutes Auge hat, kann der Freiheit nicht beraubt werden, es sei denn, er will es selbst.
XV
Es gibt auf der welt nur zwei Geisseln, vor denen alle Mächte der Erde einen nicht beschützen können: das sind die Pest und die Gerichtsvollzieher.
XVI
Sich umbringen, weil man seine Schulden nicht zahlen kann und trotzdem die Absicht dazu hat, ist von allem, was man tun kann, das törichteste. Wenn es nämlich wahr ist, dass man Verpflichtungen gegen seine Gläubiger hat, so muss man vielmehr für sie leben, nicht für sie sterben.
XVII
“…… Was ein Anderer in der Tasche hat, wäre viel besser in der meinen! … Geh fort, damit ich mich auf Deinen Platz
setze! ……” Das ist in kurzen Worten das Grundprinzip aller Moral.
Leider ist dieses Buch nur noch sehr schwer zu bekommen, aber wenn Ihr es irgendwo seht, auf einem Flohmarkt zum Beispiel, zögert nicht … es lohnt sich!
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